DR. ANDRES
Pflanzliche Arzneimittel
 

Ernte

Wenn es irgendwo weh tut - in der Wurzel liegt die Kraft 

Es klingt wie eine schrille Kreissäge und ein stotternder Motor zugleich. Der Lärm, mit dem das seltsame Gefährt über das Feld rumpelt. Im Schritttempo zieht der Traktor die Erntemaschine, in dem sich vier Menschen drängen. In den Holzcontainern am Ende des Gefährts liegen erdverklumpte Wurzeln. Das Schlusslicht bildet ein älterer Herr, der mit einer Harke und einem roten Kübel zu Fuss dem Tross folgt. Die Augen stets auf den Boden gerichtet.

Seit früh morgens sind Familie Bernhard und ihre Helfer am Werk. Es ist der letzte Erntetag für diese Saison. Alle Hände werden benötigt. Über das Jahr hinweg begnügt sich die Wallwurz mit schweren Böden, doch bedarf sie viel Aufmerksamkeit bei der Ernte und der Verarbeitung. Schliesslich hat die Heilpflanze einen Ruf zu verlieren, den sie schon seit Jahrhunderten stolz trägt.
Symphytum officinale heisst die Pflanze mit wissenschaftlichen Namen. Im Volksmund trägt sie viele weitere. Neben Wallwurz kennt man die Pflanze auch als Echter Beinwell, Beinwurz, Schmerzwurz, Wundallheil, Schadheilwurzel und Soldatenwurz. Es sind nur einige Beispiele, die bereits Schlüsse auf die Anwendungen der Pflanze zulassen: Syhmphytum kommt aus dem Griechischen: Symyphytos bedeutet zusammengewachsen, zugeteilt. Officinale steht für die arzneiliche Anwendung.

In der Bezeichnung Wallwurz steckt das altdeutsche Verb wallen, was ebenfalls zusammenwachsen bedeutet. In Beinwell steht Bein für Gebeine oder Knochen im Allgemeinen.

Bereits aus der Antike gibt es erste Notizen, dass die Pflanze Wunden und Knochenfrakturen zu heilen vermöge. Auch gegen Quetschungen und Prellungen wird die Pflanze seit jeher eingesetzt. Die Anwendungsweisen variierten: Von Tees aus den Blättern und Blüten bis hin zu Wickeln oder Bädern aus den Wurzeln. Heute bieten Salben eine praktische Form der Anwendung. Denn das gemeinhin anerkannte “Allerheilmittel” wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend und abschwellend.

Wallwurz wächst in der ganzen Schweiz, und ist in ganz Europa und Teilen Asiens einheimisch. Sie mag es feucht. Und deswegen findet man sie vielfach an den Ufern von Bächen und Flüssen, in Gräben oder aber auch auf feuchten Wiesen. Dass sie auch für den kommerziellen Gebrauch angebaut wird, ist eher eine neue Angelegenheit.

Auf dem Feld legt Grossvater Fritz hinter dem Traktor die Harke kurz beiseite: “Wallwurz gab es hier immer. Auch wir haben ihn für Heilungszwecke verwendet. Hier und da.”
Für viele Landwirte, die Ackerbau betreiben, war die Wallwurz vordergründig ein lästiges Unkraut, weil sie sich so schwer entfernen lässt. Zieht man einfach oben an der Pflanze, bricht sie unten in der Erde ab und spriesst erneut. Mit ihren länglichen, haarigen Blättern, weissen oder lilafarbenen Blüten, bietet die Wallwurz den adretten Anblick einer Wildpflanze. Als Futter ist sie nicht geeignet, dafür Ihr Geheimnis, die dunklen Wurzeln, liegen aber zunächst im Verborgenen. Die Wurzeln reichen bis zu über 70 Zentimeter tief in den Boden. Für eine schonende Ernte der Wurzel muss also tiefer gegraben werden. Und da kommt diese seltsame Wallwurz-Erntemaschine zum Einsatz. Das Modell ist ein Unikat.

Die fleissigen Helfer befreien die Wurzeln anschliessend von der restlichen Erde, schneiden sie in Stücke, wobei das weissliche Innere der Wurzel zum Vorschein kommt. Die unteren Enden werden zur Seite gelegt und nur wenige Stunden später wieder neu in das bereits vorbestellte Feld eingesetzt. Es ist der mühsamste Teil der Ernte, doch von mieser Laune ist hier nichts zu spüren. Es wirkt eher wie ein geselliges Beisammensein. 

Verarbeitung 

Wo und wie die Magie passiert

Menschen in weissen Mänteln, Masken, Haarnetzen und Handschuhen. Die Reise der Wurzeln geht in Affoltern am Albis weiter. Dort liegen sie in einer Ethanolbasis in Fässern. Bereits auf dem Hof der Familie Bernhard noch wurden die Wurzeln in kleine Stücke geschnitten und gewaschen. In den Fässern hat mittlerweile das Ethanol die heilenden Wirkstoffe der Wurzel aus dieser extrahiert. Zu diesen zählen Allantoin, Polsyaccharide, Gerbstoffe und Hydroxyzimtsäure-Derivate. Von diesen beschleunigt vor allem Allantoin die Wundheilung wirkt reizlindernd und entzündungshemmend.

Regelmäßig rühren die Mitarbeiterinnen die Fässer mit der dunkelbraunen Flüssigkeit um. Was teils recht rudimentär anmuten mag, ist ein streng überwachter Prozess. Für die Qualität ist Ruedi Andres höchstpersönlich verantwortlich.

So kommt das Wurzelwunder in die Tube.

Die vollautomatische Abfüllungsanlage gewährt höchste internationale Standards. In weissen Hauben, Mänteln und blauen Schuhüberzügen werden die Anlagen hier beim Lohnhersteller überwacht, wo schliesslich auch die Wallwurz in die Tube kommt. Das Extrakt wurde mittlerweile zu einem Gel weiterverarbeitet. Die Masse wird zunächst in Tuben gefüllt, diese dann zugeschweisst und die Chargennummern eingeprägt. Auf dem rund 20 Meter langen Förderband erfolgt auch das Falten der Packungsbeilage und das Abpacken in Kartons und später Paketschachteln automatisch.

Die Wallwurz ist bereit, um Patientinnen und Patienten von Schmerzen zu befreien. Aufgetragen auf die Haut, zieht es ohne Rückstände und ohne Geruch ein, ganz nach dem Motto: Immer wenn's weh tut.


Dr. Ruedi Andres im Interview

Und wie die Wallwurz zu Dr. Andres kam

Sie leiten seit 1991 die Dr. Andres Apotheke Stadelhofen. War Apotheker immer Ihr Traumberuf?
Nein (lacht). Bauer. Immer. Seit ich ein kleiner Bub war, wollte ich Bauer werden. Aber mein Vater hatte ja keinen Bauernhof gehabt, sondern eine Apotheke. Und darum bin ich heute Apotheker. So einfach ist das.

Wie sind Sie zur Naturheilkunde gekommen?
Mein Vater hat schon immer pflanzliche Arzneimittel hergestellt seit er vor 70 Jahren die Apotheke gegründet hat. Das war eine Passion von ihm. Aber auch meine Mutter ist sehr naturverbunden gewesen. Und so sind wir als Kinder regelmäßig Heilpflanzen sammeln gegangen. Später haben wir Heilpflanzen angebaut. Und er hat daraus Extrakte gemacht, oder Tee, oder eben Salben. Das habe ich quasi mit der Muttermilch aufgesogen.

Wie vereinbaren Sie die Schulmedizin mit den natürlichen Heilmitteln, für welche die Apotheke Stadelhofen bekannt ist?
Synthetische Arzneimittel und pflanzliche Arzneimittel ‒ das ist für mich kein Glaubenskrieg. Das gehört zusammen. Sehr viele heutige synthetische Arzneimittel sind ursprünglich aus pflanzlichen entwickelt worden. Sei es ein einzelner Wirkstoff, der aus einer Pflanze isoliert wurde, und dann verändert oder weiterentwickelt worden ist.
Der Vorteil von pflanzlichen Arzneimitteln ist, dass unser Organismus seit hunderttausenden Jahren mit diesen Pflanzen zusammen war. Wir haben die schon immer konsumiert. Unsere Vorfahren haben schon früher gewusst, welche Pflanze giftig ist und welche nicht. Und welche man bei welcher Krankheit anwenden kann. Da hatte Paracelsus schon recht: Alles ist giftig. Es kommt nur auf die Menge darauf an. Und das trifft auf pflanzliche Arzneimittel sehr gut zu.

Was kann die Wallwurzsalbe?
Sie ist schmerzlindernd und sie ist entzündungshemmend. Und aus dem heraus, ergeben sich ganz viele verschiedene Anwendungsmöglichkeiten. Am effizientesten ist sie, wenn Sie einen oberflächlichen Schmerz haben, etwa im Ellbogenbereich, im Handbereich, Knie, Fuß - das sind die besten Orte für die Anwendung. Da penetriert sie kurz und ist genau an dem Ort, wo es weh tut. Sie können sie aber auch bei Rückenschmerzen einstreichen. Sie können es auch bei Hüftschmerzen auftragen. Auch dort hilft sie. Wo sie mit ihrer entzündungshemmenden Wirkung aber auch nützt, ist etwa bei einem Sonnenbrand.

Wie kam die Wallwurzsalbe zur in Ihr Repertoire?
Wir sind durch das Fräulein Walder enger in Berührung mit der Wallwurz gekommen. Diese lebte in Herrliberg am Zürichsee, und ist von dort nach Zürich gekommen, am Stadelhofen ausgestiegen, hat Blumen aus ihrem Garten mitgebracht und diese auf den Bürkliplatz hinüber getragen und dort auf dem Markt verkauft. Gegen Mittag ist sie wieder zurückgekommen. Die übrig gebliebenen Blumen hat sie dann in die Apotheke gebracht. Mein Vater hatte Blumen gerne - meine Mutter noch lieber. Mein Vater konnte dann meiner Mutter eine Freude machen, indem er ihr die Blumen nach Hause brachte. Das Fräulein Walder hat die Blumen nicht einfach abgegeben, sondern ein Tauschgeschäft gemacht und hat Medikamente von meinem Vater bekommen.
Und so haben sie sich im Laufe der Jahre immer besser kennengelernt. Und irgendwann einmal kam Fräulein Walder und brachte in einem Sack Wurzeln mit und sagte, diese täten ihr gut gegen ihre Kniebeschwerden, weil sie im Garten immer knien musste, zum Umgraben oder Blumen schneiden. Deswegen taten ihr die Knie weh. Und dagegen würde die Wallwurz helfen. Aber im Winter hätte sie die meisten Probleme mit dem Knie, und bringe die Wurzel dann gar nicht aus dem Boden. Und sie fragte ihn: Könnte er nicht eine Salbe daraus machen?

Und ihr Vater nahm die Herausforderung an?
Mein Vater sagte, er würde es probieren. Er war sehr experimentierfreudig. Er hatte selber viel mit Pflanzen zu tun, wusste auch, wie man Pflanzenextrakte herstellt. Und machte dann einfach aus diesen Wurzeln ein Extrakt. Das war wahrscheinlich einer der entscheidenden Momente. Machen Sie das einmal! Nehmen Sie heute eine Pflanze und gehen in eine Apotheke und fragen den Apotheker oder die Apothekerin: Können Sie mir daraus eine Salbe machen?  Dann sagen die: Nein, sicher nicht. In neun von zehn Fällen wird das abgelehnt.

Wie ging es weiter?
Dann hatte er das Extrakt und sah, eine ganz schwarze Flüssigkeit, und überlegte sich, wie er diese in eine Salbe verarbeiten könnte. Er hatte guten Kontakt mit Prof. Peter Paul Speiser, ein Galenik Professor an der ETH. Den fragte er: Ich habe hier ein alkoholisches Extrakt. Wie bringe ich das in eine Salbengrundlage, ohne dass das auseinanderfällt? Und der Prof. Speiser sagte, es gäbe ganz neue Gel, in das man das verarbeiten könnte. Und so entwickelte er das. Das klingt jetzt ganz einfach. Er machte aber mehrere Versuchsreihen mit verschiedenen Gelgrundlagen. Das war sehr schwierig. Aber er blieb dran. Den hat es fasziniert, weil er wusste: Die Pflanze hat eine sehr gute Wirkung. Aber noch niemand hatte sie in eine gute Salbengrundlage verarbeitet.

Wie haben die Kunden auf die Salbe reagiert?
Mein Vater hatte am Ende statt einer Tube 20 Tuben. Das ist eben so, wenn man so einen Ansatz macht. Dann kam das Fräulein Walder wieder und er gab ihr 2 Tuben. Sie solle es ausprobieren und sagen, ob sie damit zufrieden ist. Die anderen 18 Tuben hat er einfach an andere Kunden verschenkt, bei denen er dachte, sie hätten ein entsprechendes Problem und meinte: Probieren Sie das mal. Das Verrückte war, alle, denen er eine Tube geschenkt hatte, kamen zurück und sagten: "Die Salbe ist wahnsinnig gut. Ich hätte gerne mehr davon." Da wusste er, dass er etwas Gutes entwickelt hatte.

Woher haben Sie im Weiteren die Wallwurz bezogen?
Zuerst haben wir alles aus Wildbestand, oder auch von Bauern gesammelt. Es war ein ganz übles Unkraut, das auf vielen Äckern vorgekommen ist. Und die Bauern mochten es gar nicht gern, weil man es so schwer entfernen kann (rausbringt). Sie hatten große Freude, wenn da eine Familie mit vier Kindern kam und zwei Stunden lang den Acker bearbeitete und alle Wurzeln entfernte. Wir waren gern gesehene Gäste. Noch später haben wir selber ein Feld angelegt. Heute wird sie in einem kontrollierten biologischen Anbau von der Familie Bernhard angebaut und geerntet.